Predigt von Bischof Vitus am 3. Adventssonntag – Öffnung der Heiligen Pforte in der Kathedrale in Chur


Brüder und Schwestern im Herrn,
wir haben am vergangen 8. Dezember das Heilige Jahr der Barmherzigkeit begonnen. Heute durften wir bei uns die Heilige Pforte öffnen und durchschreiten. Sie ist ein Zeichen von Gottes Barmherzigkeit: Wir kommen sozusagen aus dem Tal der Tränen – wie wir uns im Salve Regina ausdrücken – und gehen in das Land der Barmherzigkeit. Denn die Kirche – jede Kirche – ist ein Ort und ein Zeichen von Gottes Barmherzigkeit. Aus jeder Kirche, aus jedem heiligen Ort, kommt uns der Ruf der heutigen Lesung entgegen: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag“ (So 3,17).
Diesen Jubel Gottes über Jerusalem verstehen wir heute als Jubel Gottes über den Menschen, von dem der Herr sagt: „Ebenso wird … im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neun und neunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lk 15,7). Wenn der Herr sich so ausdrückt, lässt er uns erkennen, dass es den Gerechten, der nicht nötig hat, umzukehren, eigentlich nicht gibt. Jeder Mensch bedarf der Umkehr. Denn jeder Mensch ist von der Sünde geprägt und auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen. Der Psalmist betet zurecht: „Herr, höre mein Bittgebet, venimm doch mein Flehen, in deiner Treue antworte mir, in deiner Gerechtigkeit! Geh mit deinem Knecht nicht ins Gericht; denn keiner, der lebt, ist gerecht vor dir“ (Ps 143,1-2). Das Durchschreiten der Heiligen Pforte in gläubiger Gesinnung ist ein Bekenntnis, dass ich ein Sünder bin und umkehren will; dass ich mein Leben ändern will; dass ich mich ganz unter Gottes Willen und Weisung stellen will; dass ich darauf vertraue, dass Gott in seiner Barmherzigkeit mein Leben erneuert und mir ein Leben in Heiligkeit ermöglicht; dass Gott mich in sein Vaterhaus aufnimmt.
Dieser Gedanke führt uns gleich hin zum heutigen Evangelium. Johannes der Täufer ermahnt das Volk zur Umkehr. Dabei spornt er seine Zuhörer mit dem Hinweis an, der Messias halte die Schaufel in der Hand, um die Spreu vom Weizen zu trennen und den Weizen in seine Scheune zu bringen; die Spreu aber in nie erlöschendem Feuer zu verbrennen (vgl. Lk 3,17). Der Herr kommt, um das Gute vom Schlechten zu scheiden. Deshalb ist die Umkehr dringend. Johannes der Täufer macht gleichsam ein Last-Minute-Angebot. Der Mensch muss sich umgehend entscheiden. Die Predigt des Johannes hat auch für uns Bedeutung und für das Heilige Jahr. Jeder Mensch jeder Zeit steht vor dieser Entscheidung.
Entsprechend ist die Reaktion auf die Predigt des Johannes: „Was sollen wir also tun?“ (Lk 3, 10) – „Meister, was sollen wir tun?“ (Lk 3,12) – „Was sollen denn wir tun?“ (Lk 3,14). Dreimal diese Frage! Sie kommt von den Leuten im allgemeinen, sie kommt dann eigens von den Zöllnern, die sich auf Kosten anderer bereichern, sie kommt von den Soldaten, die als Wüstlinge bekannt sind. Allen gibt Johannes einen guten Ratschlag und öffnet ihnen auf diese Weise die Tür zur Reue, zum Bekenntnis und zu einem neuen Bemühen um ein gutes Leben. Er öffnet so die Tür zur Barmherzigkeit Gottes und befähigt die Menschen selber zu Taten der Barmherzigkeit.
Die Fragen der Menschen, welche sie an Johannes richten, erinnern uns an einen Beichtspiegel. Da werden auch Fragen gestellt. Diese Fragen werden alsdann Ausgangspunkt für Erkenntnis, Reue, Bekenntnis und ein neues Bemühen um ein gutes Leben. Sie werden eine Hilfe für eine gute Beichte. Darüber sagt Papst Franziskus: „Mit Überzeugung stellen wir das Sakrament der Versöhnung erneut ins Zentrum, denn darin können wir mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen“ (Misericordiae Vultus 17). Der Heilige Vater stellt auch positiv fest: „Viele Menschen suchen erneut das Sakrament der Versöhnung, darunter viele Jugendliche, und finden in dieser besonderen Erfahrung oft den Weg, um zum Herrn zurückzukehren, um einen Moment des intensiven Gebetes zu erleben und so den Sinn für das eigene Leben wiederzuentdecken“ (Miseridordiae Vultus 17). Damit spricht der Papst an, was ich als ein ganz wichtiges Ziel des Jahres der Barmherzigkeit betrachte: Den Sinn des Lebens – vor allem durch die gute heilige Beichte – neu zu entdecken, nämlich Gott, seine Gemeinschaft, seine ordnende Liebe, seine liebende Ordnung. – Und es erfüllt sich das Wort des Propheten Zefanja: „Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag“ (Zef 3,17). Amen.